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 Bewegungstherapie

 

1. Was versteht man unter Bewegungstherapie?

Die Bewegungstherapie bildet die Hauptaufgabe der Physiotherapie und umfasst alle Behandlungsmethoden und -techniken.

Auf der Grundlage einer physiotherapeutischen Untersuchung werden Funktionsstörungen im Bereich Schmerz, Stoffwechsel und Durchblutung, Beweglichkeit, Koordination, Kraft und Ausdauer aufgezeigt. Ein gezieltes und individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasstes Übungs- und Behandlungsprogramm dient dazu, die Selbständigkeit der Person in seinem sozialen Umfeld nach einer Erkrankung oder Verletzung wieder aufzubauen oder zu erhalten. Durch den (Wieder-)Aufbau der körperlichen Leistungsfähigkeit wird ein Beitrag zur Erhaltung von Lebensqualität geleistet.

Der alte Begriff „Krankengymnastik“ wird den modernen Anforderungen physiotherapeutischer Verfahren nicht mehr gerecht, weil nicht nur „Kranke“ die Leistungen in Anspruch nehmen und „Gymnastik“ als Leibes- und Körperübung die verwendete Methodenvielfalt sehr einschränken würde. Hingegen dient die Bewegungstherapie der Erprobung der körperlichen Belastbarkeit im Hinblick auf die Alltagsanforderungen.

 

  

2. Wie wirkt die Bewegungstherapie?

Bewegungstherapie ist kein statisches Verfahren, sondern ein dynamischer Prozess, der sich an die Steigerung der Belastbarkeit im Verlauf des Heilungsprozesses anpasst. Häufig beginnt die Bewegungstherapie in der körperlichen Entlastung, schmerzbedingten Schonung oder Passivität des Patienten. Durch einen systematischen und stufenförmigen Behandlungsaufbau zielt die Bewegungstherapie darauf ab, die normale Funktion wiederherzustellen bzw. zu erhalten und die Belastungsfähigkeit in den einzelnen Behandlungsetappen heraufzusetzen. Für die Patienten gilt es häufig Meilensteine der Genese durch therapeutische Unterstützung zu erreichen. So begleitet ein Physiotherapeut häufig den Weg des Patienten nach einer Gelenkoperation vom Krankenhausbett aus, über Gehen an Unterarmstützen zum gezielten Auftrainieren und Belasten bis in den Alltag und die Berufserprobung.

Therapeutische Wirkung erzielt die Bewegungstherapie durch:

  • Verbesserung der Funktion funktionsgestörter Gelenke
  • Aktivierung und Kräftigung geschwächter Muskulatur
  • Dehnung verkürzter Weichteilstrukturen (Muskeln, Sehnen, Gelenkkapseln, Haut, Narben)
  • Wiederherstellung des Muskelgleichgewichtes
  • Koordinative Schulung von Bewegungsabläufen
  • Durchblutungsförderung und Entstauung
  • Reizsetzung auf Herz-Kreislaufsystem, Atmung und Stoffwechselsystem

 

  

3. Was beinhaltet eine Bewegungstherapie?

Passive und aktive Bewegungstherapie

Am Anfang des Behandlungsprozesses überwiegen passive Maßnahmen, bei denen der Therapeut die Bewegungen ausführt. Häufig wird die Eigenschwere des behandelten Körperteils reduziert (z.B. der Therapeut unterstützt die Bewegung) oder durch entsprechende Lagerung entlastet (z.B. Behandlung im Schlingentisch). Wird der Patient mit Fortschreiten des Heilungsprozesses weniger durch Schmerzen beeinträchtigt, steht die aktive Bewegungstherapie und das Belastungstraining mehr im Vordergrund.

Neben den Bewegungsübungen im engeren Sinne, kann der Therapeut auch eine Beratung des Patienten und seiner Angehörigen über die Erkrankung und die Möglichkeit zu selbständigen Eigenübungsprogrammen durchführen. Aber auch die Schulung des Patienten im Gebrauch von Hilfsmitteln (z.B. Prothesen) sind Bestandteil der Leistung.
 

Nichtbehandlung

Bei vielen Erkrankungen und Verletzungsfolgen spielt die Bewegung eine Schlüsselrolle für die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit. Schonung, Entlastung und Verzicht auf funktionelle Bewegungstherapie bewirken häufig eine längere Fortdauer von Schmerzen, Bewegungseinschränkungen der Gelenke (Kontrakturen), Muskelschwächen (Atrophie) und Muskelungleichgewichte (Dysbalancen), Fehl- oder Überbelastungen durch Ausweichbewegungen (Koordinationsstörungen), Schwächen im Bereich des Herz-Kreislaufsystems und Störungen im Bereich des Stoffwechsels (z.B. Oedem).

 

  

4. Was sind die Anwendungsgebiete der Bewegungstherapie?

Die Anwendungsgebiete der Bewegungstherapie/Krankengymnastik decken sich mit den beschriebenen Therapiefeldern der Physiotherapie. Grundsätzlich kann die Bewegungstherapie bei:

  • Schmerzen
  • Bewegungseinschränkungen und herabgesetzter Belastbarkeit (Instabilitäten) der Wirbelsäule und anderer Gelenke
  • Koordinationsstörungen und Lähmungen
  • einer gestörten Durchblutungs- und Stoffwechselsituation
  • sowie bei funktionellen Störungen von Organsystemen (z. B. Herz-Kreislauferkrankungen, Lungen/Bronchialerkrankungen)

angewendet werden.

 

  

5. Welche unterschiedlichen Methoden gibt es?

Krankengymnastik nach BOBATH, VOJTA, PNF

Ziel: Bewegungsentwicklung bei Kindern

Zur Behandlung von angeborenen Bewegungsstörungen aufgrund von Erkrankungen des Gehirns kann die BOBATH- oder VOJTA- Therapie bei Kindern verordnet werden.

Die BOBATH-Therapie orientiert sich an den natürlichen Bewegungselementen der individuellen kindlichen Entwicklung. Unter Einbeziehung der Umwelt (z.B. Bezugspersonen, Spielzeug) werden Bewegungen angebahnt, die das Kind entsprechend seines Entwicklungsstands erlangen sollte.

Grundlage der VOJTA-Therapie ist die Stimulation bestimmter Reizpunkte durch Berührung von außen. Hierdurch werden bei den Kindern Bewegungsmuster wie Reflexdrehen oder Reflexkriechen in verschiedenen Ausgangsstellungen ausgelöst.
 

Ziel: Bewegungskontrolle bei Erwachsenen

Für Erwachsene mit neurologischen Störungen können drei Verfahren (BOBATH, VOJTA, PNF) als umfassende und ganzheitliche Behandlungsmethoden, angewendet werden. Die Behandlungsverfahren erleichtern Bewegungen, indem sie Bewegungsfühler (Propriozeptoren), Reflexe und Gleichgewichtsreaktionen stimulieren und in die Bewegungsaktivierung mit einbeziehen. Krankheitsbedingte Bewegungsmuster (z.B. Spastik) werden so gehemmt, physiologische Haltungen und Bewegungen angebahnt.
 

PNF-Methode

Die PNF-Methode (= Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation erleichtert durch Wahrnehmungsschulung dem Patienten den Zugriff auf seine Bewegungsreserven. Die Therapeuten geben gezielte Hilfestellungen zum (Wieder)erlernen von Alltagsaktivitäten wie z.B. Gehen, oder die Tasse zum Mund führen, etc.. Die Verbesserung lebenserhaltender Funktionen wie Atmung, Schlucken, Essen ist ein weiterer Therapieschwerpunkt.
 

Manuelle Therapie

Die manuelle Therapie untersucht Funktionsstörungen des Bewegungsapparats und zielt darauf ab, die normale Funktion wieder herzustellen bzw. zu erhalten und die Belastungsfähigkeit heraufzusetzen. Schmerzlindernde Maßnahmen erfolgen durch Bewegung im schmerzfreien Bereich und mechanische Reizsetzung. Komprimierte Nervenwurzeln und schmerzhafte Gelenkstrukturen können durch dosierten Zug (Traktionsbehandlung) entlastet werden. Ge­zielte Mobilisationstechniken verbessern die Beweglichkeit von bewegungseingeschränkten Gelenken und entspannen die Muskulatur. Die Belastbarkeit von instabilen Gelenken wird durch Kräftigung der gelenkumgebenden Muskulatur und Koordinationsschulung gesteigert.
 

Medizinisches Aufbautraining / Gerätegestützte Krankengymnastik

Bei chronischen Erkrankungen oder nach Unfällen und operativen Eingriffen (z.B. Kreuzbandriss im Kniegelenk) wird ein Funktionstraining an medizinischen Trainingsgeräten durchgeführt. In Abhängigkeit von der körperlichen Belastbarkeit und den Bewegungsdefiziten legt der Physiotherapeut gemeinsam mit dem Patienten ein individuelles Trainingsprogramm fest. Unter Anleitung und Kon­trolle des Therapeuten können muskuläre und koordinative Schwächen sowie Störungen der Gelenkbeweglichkeit ausgeglichen werden. Weitere therapeutische Wirkungen bestehen in der Verbesserung der Funktion des Atmungs-, Herz-, Kreislauf- und Stoffwechselsystems.
 

Atemtherapie

Bei Atemwegserkrankungen (z.B. Mukoviscidose und schweren Bronchialerkrankungen) wird eine Bewegungs- und Verhaltensschulung zur Optimierung der Atmung durchgeführt. Der Wirkansatz besteht in einer Ökonomisierung der Atembewegungen, Verbesserung der Brustkorbbeweglichkeit, Verbesserung des Abhustens von Sekret und Förderung der Atemwahrnehmung und psychischen Entspannung. Auch in der Intensivmedizin (z.B. nach chirurgischen Eingriffen) wird die Atemtherapie zur Vorbeugung von Lungenentzündungen (Pneumonie) eingesetzt. Auch hier wird der Vorteil der menschlichen Zuwendung durch die Behandlung geschätzt.

 

  

6. Birgt eine Bewegungstherapie auch Risiken?

Da natürliche Medizin wie die Bewegungstherapie die körpereigenen Ordnungs- und Heilkräfte anregt, gibt es lediglich dosisabhängige Nebenwirkungen. Risiken können auftreten, wenn der Patient über seine persönliche Grenze der Belastbarkeit beansprucht wurde. Um dieses Risiko zu verringern, werden die Auswirkungen der Belastung durch Kontrolle von Gewicht, Anzahl der Wiederholungen, und Herzfrequenz überprüft. Außerdem spielt natürlich die Selbsteinschätzung des Betroffenen über Schmerzen und Anstrengung eine wesentliche Rolle.

Bewegungstherapie führt im Gegensatz zur pharmakologischen Therapie zu einer Umstellung und Anpassungsreaktion des gesamten Organismus. Ein Nutzen der Bewegungstherapie liegt in der Einsparung von Medikamenten und Vermeidung medikamentöser Nebenwirkungen.

Bei der Verordnung und Durchführung von Bewegungstherapie gilt es, Gegenanzeigen (Kontraindikationen) zu beachten. Beispiele hierfür sind:

  • Starke Schmerzen bei der Bewegung
  • Krankheiten und Verletzungen, bei denen eine Ruhigstellung (Immobilisation) notwendig ist
  • akute Kompression eines Nervs
  • fieberhafte Infekte

Krankheitsbedingt sind weitere Risiken und Vorsichtsmaßnahmen zu beachten. So ist beispielsweise bei vorliegendem Bluthochdruck eine sogenannte Pressatmung bei der Durchführung von Übungen zu vermeiden. Bei der Pressatmung wird die Luft durch Verschließen des Kehlkopfs im Brustraum eingeschlossen. Hierdurch können Blutdruckwerte von 200-300 mmHg (systolisch) erzeugt werden, was eine Gefahr für vorgeschädigte Gefäße bedeutet. In der gesundheitsorientierten Bewegungstherapie gilt es diese und andere Risiken im Unterschied zum leistungsorientierten Sport zu beachten.


Quelle: 
www.zvk.org

 

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